Heute Morgen: Brent bei 91 Dollar, Waffenstillstand abgelaufen
Es ist Dienstag, der 18. August 2026. Der temporäre Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran ist abgelaufen — und der Ölmarkt reagiert sofort: Brent-Rohöl stieg um 0,5% auf 91,3 Dollar pro Barrel. Das ist kein Zufall, kein technisches Signal. Das ist direkte Konsequenz davon, dass die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran stecken, der iranische Aussenminister erklärt hat, Teheran habe noch nicht entschieden, ob es die Gespräche wieder aufnehme, und Präsident Trump die Amerikaner aufgefordert hat, höhere Benzinpreise zu akzeptieren.
Zur Einordnung: Noch am 13. August lag Brent bei 90,28 Dollar — rund 24 Dollar über dem Niveau von vor einem Jahr. Über den letzten Monat ist Brent um knapp 2% gestiegen, und im Jahresvergleich um 38%. Das ist der Rahmen, in dem sich gerade alles abspielt.
Was dahintersteckt: die Wirkungskette
1. Hormuz — der Flaschenhals der Welt
Vor dem Krieg passierten täglich rund 25% des weltweiten Öl-Seehandels und 20% des globalen Flüssigerdgas-Handels die Strasse von Hormuz. Das war der Normalzustand. Der ist seit dem 28. Februar 2026 vorbei. Die USA und Israel starteten damals Luftangriffe auf Iran, zerstörten militärische und staatliche Anlagen und eliminierten Oberster Führer Ali Khamenei. Als Reaktion blockierte Iran die Strasse von Hormuz.
Heute zeigen MarineTraffic-Daten, dass in den letzten 24 Stunden gerade noch drei kommerzielle Schiffe die Strasse passiert haben — vor dem Krieg waren es täglich rund 110 Schiffe. Am Wochenende verlangsamte sich der Schiffsverkehr nochmals massiv: Nur fünf Schiffe passierten die Strasse am Samstag, am Sonntag keines — verglichen mit 31 am Wochenende zuvor.
Der Waffenstillstand ist formal abgelaufen, während die Verhandlungen über eine Wiedereröffnung der Strasse festgefahren bleiben. Gleichzeitig bewegen Nahost-Produzenten heimlich Millionen Barrel Rohöl durch das Gewässer — was einen noch stärkeren Preisanstieg bisher verhindert hat. Iran und Oman scheinen sich einer Einigung über die Verwaltung der Strasse zu nähern, allerdings ohne US-Beteiligung.
2. Ölpreis drückt auf Inflation — direkt und indirekt
Wer verstehen will, warum ein Krieg am Persischen Golf die Preise im Schweizer Supermarkt beeinflusst, muss die Wirkungskette kennen. Der Zusammenhang zwischen Ölpreis und Inflation ist indirekter Natur, in seiner Wirkung aber kaum zu unterschätzen: Energie ist der wichtigste Input für das globale Preisniveau — steigt der Ölpreis, steigt die Inflation. Transport, Heizung, Produktion, Logistik: alles hängt am Öl.
Die US-Gesamtinflation lag im Juli 2026 bei 3,4% — ein leichter Rückgang gegenüber 3,5% im Juni, und etwas unterhalb des Jahreshochs von 4,2% aus dem Mai, als der Iran-Energieschock seinen Höhepunkt hatte. Benzinpreise stiegen im Jahresvergleich um 24,6%, Heizölpreise um 39,1%. Die kurze Entspannungsphase im Juni — als ein Rahmenabkommen für einen Waffenstillstand stand — hat diese Zahlen temporär gedrückt. Jetzt ist der Waffenstillstand abgelaufen, und die tameeren Monatswerte zeigen zwar, dass der energiegetriebene Inflationsschub früher in diesem Jahr nachlässt — aber die Preise bleiben volatil und abhängig von den sich ständig ändernden Bedingungen im Nahen Osten.
Wichtig zu verstehen: Die Kerninflation — also ohne Energie und Nahrungsmittel — stieg im Juli um 0,2%, die jährliche Kernrate lag bei 2,5%. Das ist näher am Fed-Ziel von 2%. Das Problem ist also nicht die Kernwirtschaft, sondern der externe Ölpreisschock.
3. Die Fed sitzt in der Klemme
Am 29. Juli 2026 beliess die Fed den Leitzins bei 3,50 bis 3,75% — wie erwartet. Überraschend war das Abstimmungsergebnis. Drei Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses plädierten für eine sofortige Zinserhöhung. Das ist ein Signal: Die Geduld innerhalb des FOMC schwindet.
Der Dot Plot vom Juni zeigte bereits einen gespaltenen Ausschuss: Neun von 18 Teilnehmern erwarteten bis Ende 2026 höhere Zinsen, acht unveränderte und einer niedrigere. Händler haben inzwischen die Wahrscheinlichkeit einer September-Zinserhöhung auf 42% gesenkt. Das bedeutet: Mehr als die Hälfte des Marktes glaubt aktuell nicht an eine Erhöhung im September — aber ein Grossteil eben schon.
Während die Chancen für eine Zinserhöhung zuletzt auf 50% gestiegen waren, argumentiert Jan Hatzius von Goldman Sachs nun, die US-Wirtschaft verliere an Fahrt — und das nehme der Notenbank den Spielraum für höhere Zinsen. Das ist das klassische Dilemma: Inflation über dem Ziel, gleichzeitig schwächelnde Konjunktur. Es gibt keinen sauberen Ausweg.
4. Und Bitcoin? Sitzt zwischen zwei Stühlen
Am gestrigen Montag, 17. August 2026, stand Bitcoin bei 63'260 Dollar. BTC hält sich in August 2026 rund um die 65'000-Dollar-Marke, gefangen zwischen einem Support bei 62'500 und Widerstand bei 65'000 bis 70'000 Dollar. Zum Vergleich: Bitcoin startete ins Jahr 2026 über 93'000 Dollar. Seitdem ist es ein Abwärtstrend — Makrogegenwind, starker Dollar, vorsichtige Zentralbankhaltung und Gewinnmitnahmen nach einem euphorischen 2025 drückten den Preis durch Frühling und Sommer. Anfang August lag BTC bei lokalen Tiefs in den frühen 60'000ern.
Genau hier liegt das grosse Missverständnis vieler Anleger. Bitcoin soll doch Inflationsschutz sein — warum fällt er dann, wenn die Inflation steigt? Wenn Öl aufgrund von Kriegsangst steigt, klettert der VIX, institutionelle Investoren rotieren in Cash und Staatsanleihen, und spekulative Assets werden zuerst verkauft. Bitcoins Korrelation mit dem Nasdaq-100 erreichte während des Ölpreisschocks im März 2026 sagenhafte 85,4% — BTC verhält sich in Stressphasen wie ein High-Beta-Tech-Asset, nicht wie der Inflationsschutz, den seine Befürworter behaupten.
Gold dagegen erreichte im März-Einbruch rund 5'280 Dollar pro Unze, während Bitcoin verkauft wurde. Die ehrliche Antwort lautet: Bitcoin wirkt als Inflationsschutz auf einem 2-bis-5-Jahres-Horizont, und als High-Beta-Tech-Aktie auf einem 2-bis-5-Wochen-Horizont. Das ist kein Widerspruch — es ist einfach ein anderer Zeithorizont.
Einordnung: Was das für den Markt bedeutet
Meine Haltung dazu ist klar: Wer Bitcoin als kurzfristigen Schutz vor Öl-induzierter Inflation kauft, setzt auf den falschen Mechanismus. Das Gegenteil gilt ebenso: Normalisiert sich der Ölpreis, sinkt der Inflationsdruck — und damit das Risikopremium, das Anleger für volatile Assets wie Bitcoin fordern. Genau dieser Mechanismus hat in der Vergangenheit immer wieder zu schnellen Preisanstiegen geführt. Mit anderen Worten: Ein echter Friedensdeal zwischen Iran und USA wäre vermutlich der grösste Kurstreiber für Bitcoin, den man sich im Moment vorstellen kann — nicht weil Bitcoin mit Frieden etwas zu tun hat, sondern weil Öl günstiger würde, Inflation fiele, die Fed Luft bekäme, und Kapital wieder in Risikoanlagen flösse.
Die Inflation liegt weiterhin über dem Lohnwachstum, das laut BLS im Juli bei 3,2% lag — das heisst: Real verlieren Arbeitnehmer Kaufkraft. Inflation frisst Lohnzuwächse seit vier Monaten. "Für mittel- und einkommensschwache Amerikaner ist das das Kernproblem", schrieb Heidi Long, Chefökonomin der Navy Federal Credit Union. "Es wird wohl zu einer Konsumzurückhaltung kommen." Konsumschwäche ist für Risk-Assets wie Bitcoin kein gutes Umfeld.
Die ruhigen Juni- und Juli-Inflationsdaten deuten darauf hin, dass der energie-getriebene Inflationsschub Anfang 2026 an Schwung verliert — doch die Preisniveaus sind noch weit von der Fed-Zielvorgabe von 2% entfernt. Und das war vor dem heutigen Ablauf des Waffenstillstands. Was der August-CPI (erscheint am 11. September) zeigen wird, hängt massgeblich davon ab, was in den nächsten Wochen in Hormuz passiert.
Was wir noch nicht wissen
- Verlängerung des Waffenstillstands? Eine Einigung zwischen Iran und Oman über die Schifffahrt durch Hormuz soll laut pakistanischen Sicherheitskreisen bevorstehen — noch vor diesem Samstag. Ob das die USA einbinden würde, ist unklar.
- September-Entscheid der Fed: Das FOMC trifft sich als nächstes im September — und wird dann eine weitere Runde Inflations- und Arbeitsmarktdaten zur Verfügung haben. Entscheidend wird sein, wie sich der Ölpreis bis dahin entwickelt.
- August-CPI: Der nächste CPI-Report, der den August abdeckt, wird am 11. September 2026 veröffentlicht. Wenn Brent bis dahin nahe 90 Dollar oder darüber bleibt, ist ein Anstieg der Gesamtinflation wahrscheinlich.
- Bitcoin-Unterstützung bei 62'500: Die Session-Tiefs lagen zuletzt bei 62'783 Dollar — nur 121 Dollar über dem August-Tiefpunkt bei 62'662 Dollar. Ein Bruch darunter wäre technisch bedeutsam.
Der Gedanke, den du mitnehmen sollst
Der Ölpreis ist das Thermometer dieses Konflikts — und er zeigt gerade wieder Fieber. Brent über 90 Dollar, Waffenstillstand abgelaufen, Hormuz fast gesperrt, Fed gespalten, Bitcoin in der Range. Das ist kein isoliertes Crypto-Problem und kein isoliertes Makro-Problem. Es ist dasselbe Problem, das sich durch alle Märkte zieht: Unsicherheit über Energie.
Bitcoin verhält sich in dieser Situation wie ein Risikoasset — weil es das kurzfristig ist. Die Frage, ob es langfristig Inflationsschutz bietet, ist damit nicht beantwortet. Aber wer heute kauft und morgen Antworten erwartet, stellt die falsche Frage. Über mehrjährige Zyklen hat BTC während jeder Inflationsphase seiner Geschichte gegenüber dem Dollar aufgewertet. Aber der Weg von "Ölpreisschock" zu "Bitcoin profitiert von Inflation" ist keine gerade Linie — und der Zwischenschritt einer restriktiven Geldpolitik kann Monate oder Jahre dauern.
Was ich beobachte: die Verhandlungen zwischen Iran und Oman, den August-CPI am 11. September, und ob die Fed-Protokolle diese Woche mehr Hinweise auf September liefern. Der Rest ist vorerst Spekulation.
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